„Herr Doktor, ich muss in die Röhre!“

Wann sollten bildgebende Diagnoseverfahren wie Röntgen, CT oder MRT zur Aufklärung von Kreuzschmerzen eingesetzt werden?


Der Großteil der Rückenschmerzen, deretwegen die Menschen orthopädische Praxen aufsuchen, ist unspezifisch. Das bedeutet, dass sich für sie keine konkrete Ursache dingfest machen lässt. Lediglich rund 15 Prozent der Kreuzschmerzen gehen auf spezifische körperliche Auslöser zurück, etwa auf Skoliose (seitlich verbogene Wirbelsäule), einen Knochenbruch, eine Entzündung oder einen Bandscheibenvorfall.

Das ist für viele Patienten mit unspezifischen Kreuzschmerzen eine unbefriedigende Situation. Daher wird oft der Wunsch geäußert, den Körper mal zu „durchleuchten“ – vielleicht findet sich ja eine Anomalie auf den Diagnosebildern. Dass die Orthopäden mit bildgebenden Verfahren aber zurückhaltend sind, hat gute Gründe.

„Zum einen ist jede bildgebende Diagnostik mit einer Strahlendosis verbunden, die man Patienten nur zumuten sollte, wenn es auch wirklich sinnvoll und nötig ist“, erläutert der in Berlin-Kreuzberg praktizierende Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Michael Jung. „Ein ebenso kritischer Punkt ist zum anderen das Risiko, Veränderungen zu entdecken, die gar nichts mit den Rückenschmerzen zu tun haben und unbedenklich sind. In solchen Fällen werden häufig Ängste bei den Patienten geweckt und Behandlungen eingeleitet, die überflüssig sind.“

Anamnesegespräch und körperliche Untersuchung meist ausreichend
Bei der Mehrzahl der Patienten mit Kreuzschmerzen reicht es aus, wenn der Orthopäde ein Anamnesegespräch führt und eine körperliche, also manuelle Untersuchung vornimmt. Dabei kann ein erfahrener Rückenschmerz-Experte bereits feststellen, ob eine gravierende Ursache vorliegen könnte, die weiterer Diagnostik bedarf. Gegebenenfalls wird dann ein bildgebendes Verfahren eingesetzt.

Da aber, wie eingangs erwähnt, rund 85 Prozent der Rückenschmerzen unspezifisch sind, kann darauf in der Regel verzichtet werden. Die Ursachen können dann in einer durch Bewegungsmangel erschlafften Muskulatur, in Fehlbelastungen, Verspannungen, Übergewicht oder auch in psychischem Stress liegen. Hier finden sich die ersten Ansatzpunkte für eine Therapie – „in die Röhre“ müssen die Patienten dafür nicht.