Rückenschmerz neu betrachtet: Leitlinie gibt Orientierung
Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt – und dennoch werden sie oft zu pauschal behandelt. Eine grundlegend überarbeitete Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie schafft nun mehr Klarheit: Wann liegt ein spezifischer Kreuzschmerz vor, und was hilft dann wirklich?
Rücken ist nicht gleich Rücken. Mediziner unterscheiden zwischen unspezifischem Kreuzschmerz, bei dem sich trotz sorgfältiger Untersuchung keine eindeutige körperliche Ursache finden lässt, und dem spezifischen Kreuzschmerz. „Der spezifische Kreuzschmerz, der auf eine konkrete Veränderung – etwa an Bandscheiben, Wirbelgelenken oder im Iliosakralgelenk – zurückgeht, tritt seltener auf und erfordert eine gezieltere Diagnose und Therapie“, erläutert der Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Michael Jung, der in Berlin-Kreuzberg praktiziert. Genau hier setzt die kürzlich erschienene S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) an, die die bisherige Version von 2018 ablöst.
„Rückenschmerzen können ganz unterschiedliche Ursachen haben, zum Beispiel Verschleiß an Bandscheiben oder Gelenken, aber auch Muskelverspannungen oder Blockierungen. Entscheidend ist, die Ursache genau zu erkennen. Nur dann können wir Patientinnen und Patienten gezielt helfen“, hebt PD Dr. Stefan Kroppenstedt, der die Leitlinienarbeit koordiniert hat, hervor. Neu in der überarbeiteten Fassung ist unter anderem die ausdrückliche Berücksichtigung von Beschwerden im Iliosakralgelenk, also der Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken – ein Bereich, der in der Vergangenheit diagnostisch häufig übersehen wurde.
Den Menschen als Ganzes betrachten
Ein zentrales Anliegen der neuen Leitlinie ist ein erweiterter Blick auf den Patienten. Neben körperlichen Befunden sollen künftig auch psychische Belastungen und berufliche Faktoren systematisch in Diagnose und Therapieplanung einfließen. „Rückenschmerz ist selten nur ein rein körperliches Problem. Wir müssen den Menschen insgesamt betrachten, um die passende Therapie zu finden“, betont Prof. Dr. Christoph-Eckhard Heyde, Leiter der DGOU-Sektion Wirbelsäule. Grundlage für jede Behandlung soll ein genaues Gesamtbild sein: ausführliche Gespräche, körperliche und neurologische Untersuchungen und – wenn nötig – bildgebende Verfahren oder gezielte Testinjektionen.
Beim Behandlungskonzept folgt die Leitlinie einem klaren Stufenprinzip: Zunächst stehen konservative Maßnahmen im Vordergrund – Bewegung, Physiotherapie und gezielte Schmerztherapie, um den oft selbst verstärkenden Kreislauf aus Schmerz, Anspannung und Schonhaltung zu durchbrechen. Erst wenn diese Ansätze nicht ausreichen, kommen interventionelle Verfahren wie Injektionen an den betroffenen Strukturen in Betracht. Operationen bleiben ausdrücklich die letzte Option und sind laut Leitlinie nur dann angezeigt, wenn die Ursache eindeutig identifiziert ist und alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden.
„Die neue Leitlinie hilft, Ursachen schneller zu erkennen und gezielt zu behandeln, damit Schmerzen nicht chronisch werden“, fasst Dr. Jörn Dohle, stellvertretender DGOU-Präsident, das Ziel zusammen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das vor allem eines: Wer unter anhaltenden Rückenbeschwerden leidet, sollte eine sorgfältige orthopädische Abklärung nicht scheuen – denn eine präzise Diagnose ist der erste und entscheidende Schritt zu einer wirksamen Therapie.

