Auffälligkeiten im Schulter-MRT sind ab 40 normal
Viele Patienten, die wegen Schulterbeschwerden in die MRT geschickt werden, kommen mit einem beunruhigenden Befund heraus – obwohl der möglicherweise gar nichts mit ihren Schmerzen zu tun hat. Eine aktuelle Studie offenbart: An der Rotatorenmanschette treten nach dem 40. Lebensjahr bei fast jedem Menschen Veränderungen auf.
Schulterschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt, schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung wird im Laufe des Lebens davon heimgesucht. Wenn die Schulter länger schmerzt, folgt in der Praxis oft eine Magnetresonanztomografie – und im Anschluss daran häufig ein Befund, der Veränderungen an der Rotatorenmanschette beschreibt: Tendinopathie, Teilriss, Degeneration. Was für viele Patienten besorgniserregend klingt, könnte in vielen Fällen jedoch ein ganz normales Bild eines älter werdenden Schultergelenks sein.
Zu diesem Schluss kommt die finnische Bevölkerungsstudie FIMAGE, die kürzlich im renommierten Fachjournal „JAMA Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Die Forschungsgruppe um Dr. Thomas Ibounig vom Helsinki University Hospital untersuchte 602 zufällig aus einem nationalen Register ausgewählte Erwachsene zwischen 41 und 76 Jahren – ausdrücklich nicht nur Personen, die wegen Beschwerden einen Arzt aufgesucht hatten. Alle Probanden wurden befragt, klinisch untersucht und erhielten eine beidseitige MRT-Untersuchung beider Schultern. Die Radiologen, die die Aufnahmen auswerteten, wussten dabei nicht, ob die jeweilige Person Schmerzen hatte oder nicht.
99 Prozent der Probanden hatten einen auffälligen Befund
Das Ergebnis war eindeutig: 99 Prozent der Untersuchten wiesen mindestens eine Veränderung an der Rotatorenmanschette auf – unabhängig davon, ob sie beschwerdefrei waren oder nicht. Verschleißzeichen fanden sich bei 96 Prozent der schmerzfreien und bei 98 Prozent der schmerzenden Schultern. Von allen im MRT sichtbaren Vollrissen betrafen 78 Prozent Schultern ohne jede Beschwerdesymptomatik. Nach statistischer Bereinigung weiterer Einflussfaktoren verschwand der Unterschied zwischen beiden Gruppen nahezu vollständig. Die Autoren folgern daraus, dass strukturelle Veränderungen der Rotatorenmanschette im MRT nach dem 40. Lebensjahr als normaler Alterungsprozess zu verstehen sind – vergleichbar mit grauen Haaren oder Falten – und nicht automatisch als Ursache von Schmerzen gewertet werden sollten.
„Die Schulter ist ein hochkomplexes Gelenk, dessen Beschwerden sehr unterschiedliche Ursachen haben können, von Muskeldysbalancen und Überlastung über entzündliche Prozesse bis hin zu Veränderungen am Knochen oder an den Sehnen. Eine gründliche körperliche Untersuchung und die genaue Schilderung der Beschwerden durch den Patienten sind deshalb das A und O jeder Diagnostik“, betont der in Berlin-Prenzlauer Berg praktizierende Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Michael Jung. „Bildgebende Verfahren sind wertvolle Ergänzungen, aber kein Ersatz für das klinische Gesamtbild.“
Für Patienten bedeutet die Studie vor allem: Entwarnung. Ein auffälliger MRT-Befund an der Schulter ist kein Grund zur Panik – und erst recht keine automatische Indikation für eine Operation. Entscheidend bleibt, ob und wie stark die Beschwerden die Alltagsfunktion einschränken und wie sie sich im Verlauf entwickeln.

