Geschlechterunterschiede in der Schulterorthopädie
Erkrankungshäufigkeit, Erwartungen, Therapieansätze: Nicht nur wenn es um die Behandlung von Schulterleiden geht, weisen Frauen und Männer Differenzen auf. In der traditionell männerzentrierten medizinischen Praxis finden diese bisher nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit.
Erst seit einigen Jahren rücken die anatomischen und physiologischen Geschlechterunterschiede in den Fokus der medizinischen Forschung und Praxis. Eine wachsende Zahl von Studien widerlegt die jahrhundertelang unhinterfragt geltende ärztliche Annahme, dass sich an Männern gewonnene Erkenntnisse eins zu eins auf Frauen übertragen lassen. Dieser Irrglaube führte unter anderem dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen oftmals zu spät diagnostiziert wurden und werden, weil die Symptome bei ihnen häufig unspezifischer ausfallen als bei Männern. Weniger lebensbedrohlich, aber dennoch relevant sind auch Geschlechterunterschiede in der Orthopädie, wie das Beispiel der Schulter zeigt.
„Eine Frozen Shoulder, landläufig als Kalkschulter oder Schultersteife bekannt, tritt bei Frauen wesentlich häufiger auf als bei Männern, mit auffälligen Häufungen vor und nach den Wechseljahren“, berichtet der in Berlin-Kreuzberg praktizierende Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Michael Jung. „Ein Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen liegt hier nahe und wird derzeit tiefer erforscht, um einen mehr systemischen Behandlungsansatz daraus ableiten zu können.“
Ein Geschlechterunterschied offenbart sich auch bei Schulterinstabilitäten: Etwa drei von vier Betroffenen sind männlich; am häufigsten tritt das Leiden im dritten Lebensjahrzehnt auf, doch bei Frauen gibt es im achten noch einmal eine auffällige Häufung. Die Gründe liegen noch im Dunkeln, auch hier könnten hormonelle Prozesse eine Rolle spielen, doch ebenso könnten Bindegewebsveränderungen beteiligt sein.
Frauen wollen funktionieren, Männer Sport treiben
Bei den Erwartungen an eine Schulteroperation zeigte eine wissenschaftlich fundierte Umfrage schon vor zehn Jahren Divergenzen zwischen den Geschlechtern auf. Für zwei Drittel der Männer war es das vordringliche Zeil, möglichst schnell wieder Sport treiben zu können. Bei den Frauen stand die Erwartung, bald wieder Alltags- und Haushaltsaufgaben uneingeschränkt übernehmen zu können, mit ebenfalls zwei Dritteln auf dem ersten Rang.
Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie fordert, biologische und soziale Geschlechterunterschiede in Studien stärker aufzugreifen, Registerdaten mit diesem Fokus auszuwerten und gendersensible Forschung gezielt voranzutreiben.

