Kreuzbandriss: Nicht immer muss operiert werden
Ein Knall im Knie beim Sport, Schmerz, Schwellung – und dann die Diagnose „Kreuzbandriss“. In aller Regel wird den Betroffenen eine Operation empfohlen. Doch die Forschung der letzten Jahre stellt diesen Automatismus zunehmend infrage.
Das vordere Kreuzband galt jahrzehntelang als ein Gewebe, das sich nach einem vollständigen Riss nicht von allein erholen kann. Diese Überzeugung hat die Behandlungspraxis geprägt: Wenn das Kreuzband gerissen ist, wird operiert – als Standardvorgehen, weitgehend unabhängig vom Einzelbefund. Was die Studienlage dazu inzwischen zeigt, war jüngst auf einem Fachkongress in München das zentrale Thema: Beim Vergleich von Operation und gezielter konservativer Behandlung weisen die vorliegenden Daten nach zwei und nach fünf Jahren auf vergleichbare Ergebnisse hin. Betroffene berichten in beiden Gruppen von hoher Zufriedenheit – und die Rückkehr in den Sport gelingt konservativ nicht weniger als nach einem Eingriff.
„Das Knie ist eines der komplexesten Gelenke des menschlichen Körpers. Es muss Stabilität, Mobilität und enorme Belastungsspitzen gleichzeitig bewältigen – und das über Jahrzehnte“, erklärt Dr. Michael Jung, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Orthozentrum in Berlin-Kreuzberg. „Welcher Behandlungsweg nach einer Verletzung sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Das hängt vom Ausmaß der Verletzung, vom Aktivitätsniveau, vom Alter und nicht zuletzt davon ab, welche Begleitstrukturen betroffen sind.“
Neuer konservativer Ansatz: Cross-Bracing-Protokoll
Konservative Behandlung bedeutet dabei keineswegs bloß Abwarten. Ein australisches Forscherteam hat ein strukturiertes Vorgehen entwickelt, das die Bedingungen für eine natürliche Heilung des Kreuzbands gezielt verbessern soll: Das sogenannte Cross-Bracing-Protokoll sieht vor, das verletzte Kniegelenk in den ersten vier Wochen nach dem Unfall in einem Winkel von 90 Grad zu fixieren, einer Position, in der die gerissenen Bandenden so nah wie möglich beieinanderliegen. Danach wird der Bewegungsumfang in wöchentlichen Schritten bis zur zwölften Woche langsam gesteigert, begleitet von physiotherapeutischem Training zum Wiederaufbau der muskulären Stabilisierung. In einer ersten klinischen Studie mit 80 Patienten ließ sich bei neun von zehn Betroffenen mit vollständigem Riss innerhalb von drei Monaten eine im MRT sichtbare Kontinuität des Kreuzbands nachweisen.
Die Studie markiert einen Anfang, keinen Abschluss: Die Fallzahl war begrenzt, Langzeitdaten zu Wiederverletzungsrate und möglichen Knorpelfolgen stehen noch aus. Für eine abschließende Bewertung des Ansatzes braucht es weitere Untersuchungen. Klar ist aber: Die Frage, ob nach einem Kreuzbandriss operiert werden muss, verdient heute eine begründete individuelle Antwort, keine reflexartige.

